LEGASTHENIE IM KINDERGARTENALTER

Frühe Hinweise erkennen. Entwicklung begleiten.

Schon im Kindergartenalter entwickeln Kinder wichtige Fähigkeiten, die ihnen später das Lesen- und Schreibenlernen erleichtern.

Manche Kinder zeigen bereits vor dem Schuleintritt Schwierigkeiten in einzelnen sprachlichen Vorläuferfähigkeiten. Diese können Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für spätere Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten sein.

Allerdings verläuft die Entwicklung jedes Kindes unterschiedlich. Nicht jede Auffälligkeit ist ein Grund zur Sorge und nicht jedes Kind mit frühen Schwierigkeiten entwickelt später eine Legasthenie.

WICHTIG ZU WISSEN

Im Kindergartenalter geht es in der Regel noch nicht um die Diagnose einer Lese-Rechtschreibstörung, sondern um das Erkennen möglicher Entwicklungsrisiken und eine frühzeitige, passende Förderung.

Was ist Legasthenie? →
GRUNDLAGEN DES SCHRIFTSPRACHERWERBS

Was entwickelt sich vor der Schule?

Verschiedene Fähigkeiten unterstützen Kinder beim späteren Erwerb des Lesens und Schreibens.

01

Sprache verstehen und verwenden

Wortschatz, Sprachverständnis und die Fähigkeit, sich sprachlich auszudrücken, bilden wichtige Grundlagen.

02

Laute und Silben entdecken

Kinder entwickeln zunehmend ein Bewusstsein dafür, dass Wörter aus Silben und einzelnen Lauten bestehen.

03

Buchstaben kennenlernen

Viele Kinder beginnen, sich für Buchstaben und deren Verbindung mit gesprochenen Lauten zu interessieren.

04

Individuelle Entwicklung

Kinder erwerben diese Fähigkeiten in ihrem eigenen Tempo. Entscheidend ist die Entwicklung im Gesamtzusammenhang.

FRÜHZEITIG UNTERSTÜTZEN

Beobachten statt vorschnell beurteilen

Wenn Eltern oder pädagogische Fachkräfte über längere Zeit deutliche Schwierigkeiten in der sprachlichen Entwicklung beobachten, kann eine fachliche Einschätzung hilfreich sein.

Ziel ist es, die Entwicklung des Kindes besser zu verstehen und geeignete Fördermöglichkeiten aufzuzeigen.

MÖGLICHE FRÜHE ANZEICHEN

Wann lohnt sich genaueres Hinsehen?

Bereits vor dem Schuleintritt können sich Hinweise zeigen, dass einem Kind bestimmte Voraussetzungen für das spätere Lesen- und Schreibenlernen schwerer fallen.

Besonders wichtig ist, ob Schwierigkeiten über längere Zeit bestehen, in mehreren Situationen auftreten und im Vergleich zum bisherigen Entwicklungsverlauf des Kindes deutlich erscheinen.

01 SPRACHLAUTSTRUKTUR

Schwierigkeiten mit Reimen und Silben

Das Kind hat beispielsweise Schwierigkeiten, ähnlich klingende Wörter zu erkennen oder Wörter spielerisch in Silben zu zerlegen.

Beispiele aus dem Alltag

Auch nach mehrmaligem gemeinsamen Spielen fällt es schwer, Reimpaare wie „Haus – Maus“ zu erkennen oder Silben wie bei „Ba-na-ne“ mitzuklatschen.

02 LAUTE UND BUCHSTABEN

Schwierigkeiten beim Erkennen von Sprachlauten

Manche Kinder haben größere Schwierigkeiten, auf einzelne Laute innerhalb gesprochener Wörter zu achten.

Auch das Merken erster Buchstaben-Laut-Verbindungen kann ihnen schwerfallen, wenn sie bereits Gelegenheit hatten, diese kennenzulernen.

Beispiele aus dem Alltag

Das Kind erkennt bei entsprechenden Sprachspielen nur schwer, dass „Maus“ und „Mond“ mit demselben Laut beginnen.

03 SPRACHENTWICKLUNG

Auffälligkeiten in der sprachlichen Entwicklung

Frühere oder anhaltende Schwierigkeiten beim Sprechen, Sprachverstehen oder beim Aufbau des Wortschatzes können zusätzliche Risikohinweise sein.

Beispiele aus dem Alltag

Das Kind findet häufig nur schwer passende Wörter, bildet altersuntypisch einfache Sätze oder hat Schwierigkeiten, sprachliche Erklärungen zu verstehen.

04 SPRACHLICHER ABRUF

Schwierigkeiten beim Benennen und Abrufen

Auch das schnelle und sichere Abrufen bekannter sprachlicher Informationen spielt für die spätere Leseentwicklung eine Rolle.

Beispiele aus dem Alltag

Das Kind benötigt auffällig häufig Zeit, um vertraute Gegenstände, Farben oder andere bereits bekannte Begriffe zu benennen.

EIN WEITERER RISIKOFAKTOR

Legasthenie in der Familie

Wenn Eltern oder Geschwister selbst Schwierigkeiten beim Lesen oder Rechtschreiben haben oder eine Legasthenie festgestellt wurde, kann auch für das Kind ein erhöhtes Risiko bestehen.

Eine familiäre Vorbelastung bedeutet jedoch nicht, dass zwangsläufig eine Lese- oder Rechtschreibstörung entstehen wird.

Wichtig

Ein erhöhtes Risiko ist keine Diagnose. Es kann aber sinnvoll sein, die Entwicklung besonders aufmerksam zu begleiten.

Nicht jede Auffälligkeit weist auf Legasthenie hin.

Viele der beschriebenen Schwierigkeiten können auch im Rahmen der normalen Entwicklung auftreten. Einzelne Beobachtungen erlauben daher keine zuverlässige Vorhersage.

Bei der Einschätzung müssen unter anderem das Alter, die bisherige Sprachentwicklung, die Lerngelegenheiten und bei mehrsprachigen Kindern die Entwicklung in den jeweiligen Sprachen berücksichtigt werden.

Entscheidend ist nicht, Kinder frühzeitig einzuordnen, sondern möglichen Unterstützungsbedarf rechtzeitig zu erkennen.

SPIELERISCHE FÖRDERUNG IM ALLTAG

Mit Freude lernen – wichtige Grundlagen stärken

Kinder entdecken Sprache am besten in gemeinsamen, abwechslungsreichen Situationen. Schon einfache Spiele im Alltag können dazu beitragen, die sprachliche Entwicklung und wichtige Vorläuferfähigkeiten für das spätere Lesen und Schreiben zu unterstützen.

Dafür braucht es weder besondere Materialien noch schulähnliche Übungsstunden. Viel wichtiger sind gemeinsames Spielen, Neugier und positive Erfahrungen.

01 REIME ENTDECKEN

Reimwörter finden

Reimspiele machen Kinder auf den Klang von Wörtern aufmerksam. Sie können dabei entdecken, dass manche Wörter ähnlich klingen.

SPIELIDEE

Reim-Detektive

Ein Erwachsener sagt ein Wort wie „Haus“. Gemeinsam werden Wörter gesucht, die sich darauf reimen: „Maus“, „Laus“ oder „raus“.

Auch lustige Fantasiewörter sind erlaubt!

02 SILBEN ERLEBEN

Wörter rhythmisch zerlegen

Durch Klatschen, Stampfen oder Springen können Kinder erleben, dass Wörter aus unterschiedlich vielen Silben bestehen.

SPIELIDEE

Silben-Hüpfen

Für jede Silbe wird einmal gehüpft: „Ba-na-ne“ – drei Sprünge.

Besonders geeignet sind Namen, Tiere oder Gegenstände aus dem Alltag des Kindes.

03 LAUTE WAHRNEHMEN

Anfangslaute entdecken

Bei Lautspielen lernen Kinder, bewusst auf einzelne Laute in gesprochenen Wörtern zu achten.

SPIELIDEE

Anlaut-Suche

Gemeinsam werden Wörter gesucht, die mit demselben Laut beginnen, beispielsweise „Maus“ und „Mond“.

Bei entsprechendem Interesse kann auch der passende Buchstabe entdeckt werden.

04 SPRACHE UND GESCHICHTEN

Gemeinsam vorlesen und erzählen

Bilderbücher, Geschichten und Gespräche regen Wortschatz, Sprachverständnis und die Freude an Sprache an.

SPIELIDEE

Geschichten-Erfinder

Gemeinsam ein Bilderbuch betrachten und überlegen: „Was könnte als Nächstes passieren?“

Das Kind darf die Geschichte weitererzählen, eigene Ideen entwickeln und Fragen stellen.

ERSTE BEGEGNUNGEN MIT SCHRIFT

Buchstaben dürfen neugierig machen.

Viele Kinder interessieren sich schon vor der Schule für ihren eigenen Namen, Buchstaben auf Schildern oder erste geschriebene Wörter.

Dieses Interesse können Erwachsene aufgreifen, indem sie gemeinsam Buchstaben entdecken und deren Laute benennen. Eine spielerische Verbindung zwischen Lauten und Buchstaben kann den späteren Schriftspracherwerb unterstützen.

Ein einfaches Beispiel

„Mama“ beginnt mit dem Laut /m/. Welchen Buchstaben sehen wir am Anfang?

Das Kind kann das M beispielsweise aus Buchstabenkarten aussuchen oder mit dem Finger nachfahren.

DAS IST IM ALLTAG WICHTIG

Spielerisch fördern – ohne Leistungsdruck

Die Freude am gemeinsamen Entdecken steht im Vordergrund. Kinder müssen vor der Einschulung noch nicht lesen oder schreiben können.

Kurz und regelmäßig

Lieber gelegentlich ein paar Minuten gemeinsam spielen als lange Übungseinheiten erzwingen.

Interessen aufgreifen

Tiere, Lieblingsfiguren, Fahrzeuge oder Geschichten können als Ausgangspunkt für Sprachspiele dienen.

Entwicklung respektieren

Wenn eine Aufgabe noch zu schwierig ist, wird sie vereinfacht oder zu einem späteren Zeitpunkt erneut angeboten.

Was kann frühe Förderung bewirken?

Spielerische Sprachförderung kann wichtige Voraussetzungen für das spätere Lesen- und Schreibenlernen unterstützen. Insbesondere bei Kindern mit erkennbaren Schwierigkeiten kann eine gezielte Förderung sinnvoll sein.

Sie bietet jedoch keine Garantie, eine spätere Legasthenie zu verhindern. Bei anhaltenden Auffälligkeiten ist eine fachliche Einschätzung wichtig, damit der individuelle Unterstützungsbedarf erkannt werden kann.

ENTWICKLUNG UND ABKLÄRUNG

Wann ist eine Abklärung sinnvoll?

Nicht jede Unsicherheit in der sprachlichen Entwicklung erfordert sofort eine Untersuchung. Wenn Schwierigkeiten jedoch deutlich ausgeprägt sind, länger bestehen bleiben oder mehrere Entwicklungsbereiche betreffen, kann eine fachliche Einschätzung hilfreich sein.

Dabei geht es nicht darum, möglichst früh eine Legasthenie festzustellen, sondern die Entwicklung des Kindes besser zu verstehen und passende Unterstützung zu ermöglichen.

ORIENTIERUNG FÜR ELTERN

Wann sollten Eltern genauer hinschauen?

Anhaltende Schwierigkeiten

Wenn einem Kind altersgemäße Sprach- und Lautspiele auch nach wiederholten, passenden Angeboten deutlich schwerfallen.

Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung

Wenn Schwierigkeiten beim Sprachverständnis, beim Wortschatz oder beim sprachlichen Ausdruck beobachtet werden.

Mehrere Risikohinweise

Wenn verschiedene Auffälligkeiten zusammenkommen oder zusätzlich eine familiäre Vorbelastung durch Legasthenie besteht.

Sorgen von Eltern oder Kindergarten

Wenn die Entwicklung des Kindes wiederholt Anlass zu Fragen gibt oder das Kind selbst durch seine Schwierigkeiten belastet erscheint.

FACHLICHE EINSCHÄTZUNG

Was kann im Vorschulalter abgeklärt werden?

Je nach Fragestellung können unterschiedliche Aspekte der Entwicklung genauer betrachtet werden.

01

Entwicklungsgeschichte

Im Gespräch werden die bisherige Entwicklung, vorhandene Stärken, beobachtete Schwierigkeiten und bisherige Fördererfahrungen berücksichtigt.

02

Entwicklungsbezogene Untersuchung

Je nach Alter und Fragestellung können beispielsweise sprachbezogene Vorläuferfähigkeiten sowie weitere Entwicklungsbereiche untersucht werden.

03

Einschätzung und Empfehlungen

Aus den Ergebnissen lassen sich Hinweise auf möglichen Förderbedarf und geeignete nächste Schritte ableiten.

Früherkennung ist nicht gleich Legastheniediagnostik.

Eine Lese- und/oder Rechtschreibstörung wird anhand der tatsächlichen Leistungen beim Lesen und Rechtschreiben beurteilt. Diese Fähigkeiten entwickeln sich üblicherweise erst mit dem Schuleintritt durch den Schriftsprachunterricht.

Im Kindergartenalter steht deshalb die Einschätzung von Entwicklung und möglichen Risikofaktoren im Vordergrund. Eine solche Einschätzung kann hilfreich sein, ermöglicht aber keine sichere Vorhersage einer späteren Legasthenie.

Wenn deutliche Schwierigkeiten in der Sprachentwicklung bestehen, kann zusätzlich eine logopädische Abklärung sinnvoll sein.
INDIVIDUELLE BERATUNG IN WIEN

Sie machen sich Sorgen um die Entwicklung Ihres Kindes?

Als Klinische und Gesundheitspsychologin unterstütze ich Eltern dabei, Entwicklungsfragen einzuordnen und geeignete nächste Schritte zu besprechen.

Gemeinsam können wir klären, ob eine klinisch-psychologische Abklärung sinnvoll ist oder welche anderen Unterstützungsangebote infrage kommen.